Ein Gespräch über Geschichten, Nähe und warum ein Hospiz ein Ort des Lebens ist.
Jara Bihler ist Schauspielerin, lebt und arbeitet in Hamburg und ist seit Anfang 2026 Botschafterin der Sinus Hospize. In dieser Rolle bringt sie ihre Stimme, ihre Präsenz und ihre Erfahrung als Künstlerin ein – bei Lesungen im Haus, bei öffentlichen Veranstaltungen und überall dort, wo es darum geht, das Bild vom Hospiz zu öffnen und zu erweitern.
Was macht eine Botschafterin? Sie hört zu, sie erzählt weiter, sie schlägt Brücken zwischen Welten, die sich auf den ersten Blick fremd erscheinen – und schafft Nähe, wo oft noch Distanz herrscht.
Im Gespräch mit Justyna Schmidt, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Sinus Hospize, und Matthias Bähr, Geschäftsführer Hospiz Sinus Othmarschen, erzählt Jara Bihler von ihrer Motivation, von der besonderen Atmosphäre im Hospiz, von Kunst als verbindender Kraft – und davon, warum Leichtigkeit und Ernst sich nicht ausschließen.
Das Gespräch
Justyna Schmidt:
Liebe Jara, du bist vor einiger Zeit auf uns zugekommen mit dem Wunsch, dich im Hospiz Sinus ehrenamtlich zu engagieren. Wie bist du auf unser Haus aufmerksam geworden – und warum ausgerechnet ein Hospiz?
Jara Bihler:
Aufmerksam geworden bin ich tatsächlich über dich, Matthias. Während meiner Zeit im Ensemble des Jungen Schauspielhauses Hamburg hatte ich mitbekommen, dass es einen Kontakt gab und Interesse an einer Zusammenarbeit bestand, auch wenn daraus zunächst kein Projekt entstanden ist. Dieses Interesse ist bei mir geblieben.
Und gleichzeitig hatte ich schon länger den Wunsch, mich ehrenamtlich zu engagieren. Ich habe früh in meinem Leben Erfahrungen mit Verlust und Tod gemacht – und mir ist immer deutlicher geworden, wie wenig der Tod Teil unseres gesellschaftlichen Alltags ist. Für mich war es deshalb sehr schlüssig, genau hier anzusetzen und euch zu begegnen.
Justyna Schmidt:
Du liest regelmäßig für unsere Gäste. Wählst du die Texte selbst aus?
Jara Bihler:
Ja, das mache ich. Es gibt dabei eine klare Orientierung: Die Texte sollen eher leicht, humorvoll, zugänglich sein. Ich suche gezielt nach Stoffen, die etwas anderes erzählen als das, was den Alltag vielleicht gerade prägt – und die eine gewisse Leichtigkeit in den Raum bringen.
Justyna Schmidt:
Also eher Unterhaltung als Schwere?
Jara Bihler:
Ja, Unterhaltung, Ablenkung, vielleicht auch ein Aufatmen. Andere Geschichten, andere Bilder – ohne etwas zu verdrängen, aber mit einem offenen, freundlichen Ton.
Justyna Schmidt:
Du bist Schauspielerin, du kennst die Energie zwischen Bühne und Publikum. Wie erlebst du diese besondere Begegnung im Hospiz?
Jara Bihler:
Der Rahmen ist viel kleiner, viel intimer. Man bekommt die Menschen sehr direkt mit – durch Blicke, Geräusche, kleine Reaktionen. Manche Reaktionen sind leiser, verhaltener, vielleicht weil auch eine Schwere im Körper oder im Inneren da ist.
Und trotzdem spüre ich ganz deutlich: Die Reaktionen sind da. Ich glaube sehr an die Kraft von Geschichten und an das gemeinsame Eintauchen in sie. Das funktioniert hier genauso – nur auf eine stillere, aber nicht weniger intensive Weise.
Justyna Schmidt:
Du kennst das Hospiz Sinus nun schon seit einiger Zeit. Wie nimmst du die Stimmung im Haus wahr?
Jara Bihler:
Wenn ich mit anderen über Hospize spreche, merke ich oft, wie viele Ängste und Bilder es gibt. Dann zitiere ich häufig dich, Matthias: dass in einem Hospiz sehr intensiv gelebt wird.
Das war für mich eines der größten Aha-Erlebnisse. Die Tage haben eine andere Bedeutung – und vielleicht wird gerade deshalb auf besondere Weise gelebt. Ich empfinde das Haus als warm.
Matthias Bähr:
Viele Menschen stellen sich ein Hospiz als dunklen, trostlosen Ort vor – voller Leid und Schmerz. Diesen Vorstellungen und Klischees begegnen wir immer wieder. Umso wertvoller ist es, wenn jemand von außen kommt und sagt: Hier ist es hell, lebendig, offen. Wir verstehen das Hospiz als einen Ort des Lebens, zu dem das Sterben gehört.
Jara Bihler:
Ja, genau so erlebe ich es.
Matthias Bähr:
Bis Menschen sterben, leben sie. Die Frage ist eher, was wir unter „Leben“ verstehen. Oft wird so getan, als sei Leben nur das, was zwischen bestimmten Altersgrenzen stattfindet. Aber zum Leben gehören alle Phasen – auch Verletzlichkeit, Abhängigkeit, Veränderung. Das ist kein „weniger Leben“.
Jara Bihler:
Ich glaube, dass hinter vielen ablehnenden Haltungen Unwissen und Angst stehen – und die Perspektive von Menschen, die diese Lebensphase noch nicht kennen.
Justyna Schmidt:
Du warst kürzlich Teil unserer Veranstaltungsreihe Kunst und Kompass im Bucerius Kunstforum. Wie hast du diesen Abend erlebt?
Jara Bihler:
Ich habe ihn sehr genossen. Es war spannend, in die Ausstellung „Kinder, Kinder!“ einzutauchen und darüber ins Gespräch zu kommen. Für mich war es eine neue Erfahrung – und neue Erfahrungen finde ich immer bereichernd.
Kunst und Kompass ist ein Format, das unterschiedliche Themen miteinander in Beziehung setzt. Theater, Kunst, Hospizarbeit – all das beschäftigt sich intensiv mit dem Menschsein. Von außen wirkt das vielleicht erst einmal unvereinbar, aber genau darin liegt die Stärke: Es funktioniert, weil es Verbindungen sichtbar macht.
Matthias Bähr:
Kunst will berühren, anknüpfen, manchmal provozieren – aber immer mit dem Leben zu tun haben. Theater tut das. Und ein Hospiz auch. Solche Abende helfen uns, genau diese Verbindungen zu entdecken.
Justyna Schmidt:
Liebe Jara, seit Anfang 2026 bist du Botschafterin der Sinus Hospize. Wie ist es dazu gekommen?
Jara Bihler:
Durch die gemeinsamen Begegnungen und Arbeiten. Matthias hat mich gefragt, ob ich diese Rolle übernehmen möchte. Für mich bringt das eine schöne Klarheit in unsere Zusammenarbeit – und ich habe mich sehr darüber gefreut.
Matthias Bähr:
Für uns war Jara die ideale Besetzung. Wir haben mit Gustav Peter Wöhler einen Schirmherrn, und durch die gemeinsamen Lesungen ist eine echte Verbindung entstanden. Wir erleben es als bereichernd, wenn Botschafterin und Schirmherr nicht nebeneinander existieren, sondern miteinander wirken. Und genau das passt hier sehr gut.
Justyna Schmidt:
Zum Schluss eine persönliche Frage: Wenn du dich selbst in drei Worten beschreiben müsstest – welche wären das?
Jara Bihler:
Empathisch. Quatschig. Und als drittes: ehrlich.
Zumindest ist Ehrlichkeit etwas, das ich suche und versuche zu leben.
Justyna Schmidt:
Vielen Dank für dieses Gespräch, liebe Jara.