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Im Angesicht des Lebens – Ein Gespräch mit Karin Brodowsky

Karin Brodowsky arbeitet als Pflegefachkraft im Hospiz Sinus Othmarschen – und fotografiert dort Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Mit ihren Portraits zeigt sie, dass im Hospiz nicht der Tod im Mittelpunkt steht, sondern das Leben, die Würde und die Geschichten der Gäste.

Am 23. September 2025 eröffnet im Altonaer Museum die Fotoausstellung „Im Angesicht. Portraits aus dem Hospiz Sinus“. Gezeigt werden berührende Portraits von Hospizgästen, die in ihrer letzten Lebensphase entstanden sind. Fotografiert von Karin Brodowsky, Pflegefachkraft im Hospiz Sinus Othmarschen, bieten diese Werke intime Einblicke: pur, ungeschminkt, im Tageslicht, begleitet von den persönlichen Worten der porträtierten Menschen.

Die Ausstellung läuft vom 23. September 2025 bis zum 26. Januar 2026 und ist frei zugänglich. Sie lädt Besucherinnen und Besucher dazu ein, innezuhalten: Was berührt uns beim Blick auf diese Gesichter? Welche Bedeutung entdecken wir dabei für unser eigenes Leben?

Karin Brodowsky im Gespräch mit Justyna Schmidt

Liebe Karin, du bist hauptberuflich Pflegefachkraft im Hospiz Sinus Othmarschen und nebenbei leidenschaftliche Fotografin. Wann hast du angefangen, deine Gäste im Hospiz zu fotografieren? Wie ist die Idee für dieses Projekt entstanden?

Das Projekt gibt es seit 2023 – es ist ein freies Herzensprojekt von mir. Ich wollte den Menschen die Möglichkeit geben, sich zu zeigen – so, wie sie sind, mit ihren Geschichten und Gedanken. Während der Gespräche mit ihnen halte ich diese Momente fotografisch fest.

Du fotografierst Menschen in ihrer letzten Lebensphase – ein sehr sensibles Thema. Was ist dein Konzept für diese Bilder?

Viele Menschen haben Angst oder Vorurteile, wenn sie an ein Hospiz denken. Manche stellen sich ein „Sterbehaus“ vor, in dem man nur auf den Tod wartet. Dabei geht es im Hospiz um so viel mehr. Cicely Saunders, die Begründerin der Hospizbewegung, hat es so ausgedrückt: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“

Das Thema Sterben ist schwer, und doch wollte ich Bilder schaffen, die nicht von Schwere erzählen, sondern von Licht. Deshalb wähtle ich Farbe statt Schwarz-Weiß – warme, helle, lebendige Töne. Die Portraits sollen Herzlichkeit und Nähe ausstrahlen, ein Stück Hoffnung bewahren. Jeder Mensch begegnet seiner letzten Lebensphase auf seine eigene Weise – mit leisen oder starken Worten, mit Klarheit oder Zweifel. Oft entstehen dabei Momente von berührender Ehrlichkeit. Diese Wahrheit, diese Einzigartigkeit möchte ich sichtbar machen.

Wie überzeugst du deine Gäste, dir Modell zu stehen? Gibt es auch Menschen, die nicht fotografiert werden möchten – oder solche, die es unbedingt wollen?

Wenn ein neuer Gast zu uns kommt, braucht er oder sie erstmal Zeit zum Ankommen. Ich beobachte, höre zu, spüre hinein: Möchte dieser Mensch fotografiert werden? Erst dann spreche ich das Thema in Ruhe an.

Die Beziehung entsteht durch Pflege, durch Nähe und durch Gespräche. In einem geeigneten Moment erkläre ich mein Vorhaben, erzähle, wie die Bilder aussehen sollen und dass sie mit den persönlichen Worten des Gastes ergänzt werden. So entstehen Portraits, die die Einzigartigkeit der Gäste respektvoll zeigen – unverstellt, authentisch und ehrlich. Jeder Gast, der mitgemacht hat, erhielt ein Foto in 15 x 20 cm mit seiner Kurzbiografie dazu. Manche hatten ihre Worte schon vorbereitet, andere sprachen ganz spontan. Doch immer waren es ehrliche, unverstellte Gedanken.

Von 26 angefragten Gästen wollten drei nicht teilnehmen – meist aus Gründen der Privatsphäre. Das habe ich selbstverständlich respektiert. Alle anderen sagten aus dem Herzen heraus Ja, weil sie spürten: Mit diesen Bildern können sie anderen Menschen Mut machen.

Welche Botschaft möchtest du mit dieser Portraitreihe vermitteln?

Ich will deutlich machen: Im Hospiz geht es nicht nur ums Sterben, sondern ums Leben – bis zuletzt. Um Menschlichkeit, um Würde und um die kleinen Dinge, die am Ende groß werden. Ich wünsche mir, dass die Portraits Ängste und Vorurteile abbauen und die Gesellschaft bewusster auf dieses Thema schaut.

Hast du durch dieses besondere Projekt persönlich etwas für dich gelernt?

Ja, sehr viel. Die Kombination aus Portrait und Kurzbiografie berührt mich selbst immer wieder tief. Es zeigt, dass Menschen in ihrer letzten Lebensphase eine unglaubliche Stärke haben können.

Alle Gäste haben etwas gemeinsam: Sie sind mutig. Sie gehen ihren Weg – mit Offenheit, mit Ehrlichkeit, mit Würde. Jeder einzelne von ihnen hinterlässt Spuren.

Für diese Begegnungen empfinde ich tiefe Dank-barkeit. Sie haben mir gezeigt, dass auch in der letzten Lebensphase Schönheit, Wahrheit und Kraft liegen können.

Vielen Dank, liebe Karin, für die Einblicke in deine inspirierende Arbeit!

Poster zur Ausstellung „Im Angesicht. Porträts aus dem Hospiz Sinus.“

Ausstellungseröffnung:
Am 23.09.2025 um 19:00 Uhr

Ausstellungsdauer:
23.09. – 26.01.2025

Adresse:
Altonaer Museum, Museumstraße 23, 22765 Hamburg

Eintritt:  frei

Online-Anmeldung zur Ausstellungseröffnung