Ich bin Prisilia Owosekun-Wilms, 38, arbeite für die Stadt Hamburg und leite im Tandem die Stabsstelle Nachhaltigkeit. Also klassisch: Sitzungen, Strategien, Zielbilder, Prozesse, Vorlagen mit Version_final_neu_wirklich_final.
Und dann kam Seitenwechsel.
Für alle, die das Programm nicht kennen: Menschen aus Wirtschaft, Verwaltung und anderen Organisationen tauschen für kurze Zeit die Perspektive und arbeiten in sozialen Einrichtungen mit. Raus aus der eigenen Bubble, rein ins echte Leben. Oder genauer gesagt: rein in das Leben anderer Menschen. Ich war im Hospiz Sinus in Barmbek. Und was soll ich sagen?
Ich dachte, ich würde dort die meiste Zeit heimlich auf Toilette weinen und vor allem viel geben müssen. Zeit vielleicht. Hände. Aufmerksamkeit. Stattdessen bekam ich eine Lektion in Menschlichkeit, Teamarbeit, Ruhe und Würde, die ich so schnell nicht vergessen werde.
Zu Gast im Sinus
Im Hospiz sagt man nicht Patient:innen. Man sagt Gäste.
Und allein dieses Wort hat etwas mit mir gemacht.
Ein Gast ist jemand, der willkommen ist.
Jemand mit Würde. Mit Eigenheiten, Vorlieben, schlechter Laune, Humor, Entscheidungsfreiheit und dem Recht, heute bitte einfach in Ruhe gelassen zu werden.
Ein Gast ist kein Fall. Kein Bett. Keine Nummer.
Ich wusste sofort: Sprache ist im Sinus keine Dekoration.
Teamarbeit heißt: Jede Perspektive zählt
In Behörden reden wir oft über Schnittstellen.
Im Hospiz habe ich Schnittstellen gesehen, die funktionieren.
Da waren Susi und Marta in der Hauswirtschaft. Menschen, die genau wussten, wer noch Appetit auf Grießbrei hat, wer lieber Suppe möchte, wer heute nur zwei Löffel schafft und wer den Duft von Kaffee liebt.
Sie haben mir gezeigt: Essen ist nie nur Essen.
Essen ist Erinnerung. Beziehung. Trost. Alltag. Verbindung.
Und ganz nebenbei haben sie mir direkt zu Beginn meine Berührungsängste genommen.
Weil man bei der Essensabfrage nicht theoretisch sein kann. Da heißt es sofort: Butter bei die Fische.
Der erste Schritt ins Haus
Von Birte und Verena habe ich gelernt: Stress ist oft laut, Kompetenz dagegen leise.
Sie hatten offene Ohren für Gäste, Angehörige, Kolleg:innen – und auch für sich selbst.
Kein hektisches Held:innentum. Kein Ich-mach-noch-schnell. Sondern Ruhe, Bedacht, Prioritäten.
Nicht alles gleichzeitig machen. Sich zeigen. Und andere dabei unterstützen, es auch zu tun.
Die, die so nah sind wie kaum jemand
Wasso, Martina, Jean und Christiane.
Ich weiß gar nicht, wie ich das schreiben soll, ohne kitschig zu werden, also schreibe ich es direkt: Alle Pflegekräfte im Sinus haben mich tief beeindruckt.
Sie haben Menschen begleitet, ohne sich über sie zu stellen.
Sie haben gepflegt, ohne zu bevormunden.
Sie waren klar, herzlich und immer professionell.
Dort habe ich verstanden, wie abhängig wir alle irgendwann von guten Pflegekräften sein werden. Und dass Pflege keine „helfende Tätigkeit“ ist, sondern Hochleistung mit Herz, Kopf, Körper, Intuition und Haltung.
Freiheit in ihrer wirkungsvollsten Form
Im Hospiz habe ich Freiheit in ihrer wirkungsvollsten Form erlebt.
Denn dort entscheiden Menschen über ihr Leben, solange es geht, selbst.
Wann sie essen.
Wer reinkommt.
Wer nicht reinkommt.
Ob gesprochen wird.
Ob geschwiegen wird.
Ob das Fenster auf soll.
Ob Musik läuft.
Ob heute Besuch zu viel ist.
Selbstbestimmung bis zuletzt.
Manche reden über Würde.
Dort wird sie organisiert.
Warum ich kein einziges Mal geweint habe
Viele haben mich gefragt: „Und? War das nicht furchtbar traurig?“
Nein.
Es war berührend.
Es war intensiv.
Es war ehrlich.
Es war manchmal lustig.
Es war manchmal still.
Aber vor allem war es lebendig.
Ich habe dort nicht geweint, weil dort nicht der Tod im Mittelpunkt stand, sondern das Leben, das noch da ist.
Und das ist ein großer Unterschied.
Wir haben oft mehr Angst vor dem Sterben als davor, dass jemand stirbt.
Ein Abschied, den ich nie vergessen werde
Ein verstorbener Gast verließ das Haus.
Das Team nahm sich Zeit. Nicht zwischen Tür und Angel, nicht schnell nebenbei, nicht organisatorisch korrekt und emotional abwesend.
Zeit. Einfach Zeit.
Wir standen Spalier.
Die Bestatter:innen kamen.
Der Sarg wurde hinausgetragen.
Die Sonne schien.
Eine Kollegin ging vor dem Gast her. Wir anderen dahinter. Wir winkten.
Und dann war da diese Straße.
Der normale Tag lief weiter. Menschen unterwegs. Fahrräder. Termine. Einkaufstaschen. Außenwelt.
Die meisten wissen in solchen Momenten gar nicht, was wenige Meter neben ihnen geschieht.
Doch dann hielt ein Radfahrer an.
Er sah uns.
Er sah den Bestattungswagen wenden.
Er wartete einen Moment.
Dann lächelte er – und warf dem Auto einen Kussmund zu.
Ich werde diesen Moment nie vergessen.
So unspektakulär. So groß.
Pures Menschsein.
Und nur eines von vielen wunderschönen Erlebnissen in dieser sehr besonderen Woche.
Ruhe ist auch eine Kompetenz
Was mich vielleicht am meisten überrascht hat:
Diese Ruhe.
Überall dort, wo man Hektik erwarten würde, war Zeit.
Zeit für einen Blick.
Zeit für einen Satz.
Zeit für einen Milchkaffee.
Zeit für einen Witz.
Zeit für ein Innehalten.
In einer Welt, die ständig „dringend“ schreit, war das Hospiz radikal unaufgeregt.
Und vielleicht liegt genau darin seine Kraft.
Kommen wie man ist
Im Hospiz musste niemand performen.
Niemand musste stärker wirken, als er ist.
Niemand musste gute Laune vorspielen.
Niemand musste funktionieren.
Niemand musste glänzen.
Man durfte kommen wie man ist.
Müde.
Genervt.
Lustig.
Ängstlich.
Leise.
Dankbar.
Wütend.
Alles gleichzeitig.
Was für ein Luxus.
Und dann waren da noch die anderen
Silke und Christoph, die das Sinus mit offenen Augen, Klarheit und Wärme so gestalten, dass man sofort merkt: Hier wurde an Menschen gedacht.
Anni mit ihren Hunden, die auf ihre ganz eigene Weise Stimmung regulieren können – besser als manches Führungskräfte-Seminar.
Viel Lachen im Haus.
Dann wieder Ruhe.
Dann ein Gespräch.
Dann wieder Stille.
Wie Ebbe und Flut, nur menschlicher.
Was ich mitnehme
Dass gute Teams nicht aus perfekten Menschen bestehen, sondern aus Menschen, die sich gegenseitig ernst nehmen.
Dass Fürsorge Struktur braucht.
Dass Sprache Haltung zeigt.
Dass Würde praktisch ist.
Dass Ruhe nicht Leerlauf ist.
Und dass Orte, vor denen viele Angst haben, manchmal genau die Orte sind, an denen man am meisten über das Leben lernt.
Das war erst der Anfang
Ich habe dort so viel erlebt, gedacht und gelernt, dass dieser Text nur der Anfang sein kann.
Über manches werde ich noch schreiben. Über psychologische Sicherheit in Teams. Über Angst. Über Kommunikation. Über Demokratie. Über Humor. Über Rituale. Über das Leben kurz vor dem Tod – und manchmal gerade deshalb mittendrin.
Danke
Danke an Seitenwechsel und das Team vom Hospiz Sinus in Barmbek.
Ich kam mit Fragen.
Ich ging mit einem erfüllten Herzen.
Und mit dem Gefühl, dass wir manche Dinge komplett falsch priorisieren.
See you later
Eure Prisilia