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Trauern – wie geht das?

 Prisilia Owosekun-Wilms
 Prisilia Owosekun-Wilms

Das ist der zweite Text, den ich nach meinem Seitenwechsel im Hospiz Sinus schreibe. Und vielleicht der schwierigere. Weil ich diesmal nicht über Teamarbeit schreibe oder darüber, wie beeindruckend gute Pflege ist. Sondern über das Trauern. Und gleich vorneweg: Ich weiß bis heute nicht genau, wie das „richtig“ geht.

​Am Eingang des Hospizes gibt es neuerdings ein Bild, von Hand auf die hellgrüne Wand gemalt. Ein Strand, ein Weg, Holzpfähle rechts und links. Vorne das Meer, darüber Vögel am Himmel. Das Bild ist leicht, klar und fast still. Jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe, fühlt es sich an, wie eine sanfte Einladung. Komm, wenn du so weit bist.

​Was passiert eigentlich, wenn jemand stirbt und man selbst bleibt? Was passiert, wenn plötzlich alles vorbei ist – die Hoffnung, die Medikamente, der Streit, die ganze Scheiße, egal wo sie angefangen hat?

​Was bleibt, sind Gefühle, die überhaupt nicht ordentlich nacheinander kommen. Wut, Einsamkeit, Überforderung, vielleicht auch große Erleichterung. Darüber spricht kaum jemand.

​Als mein Vater vor knapp 14 Jahren gestorben ist, dachte ich vor allem: Warum ist eigentlich so viel zu tun? 

​Er wurde nach Nigeria überführt. Plötzlich kümmerte ich mich um Dokumente, Fristen und Telefonate, wo ich eigentlich noch nicht wahrhaben wollte, dass er nie mehr wieder anrufen würde. Ich wusste nicht, wie lange ein Leichnam irgendwo sein darf. Ich wusste nicht, warum er tot so radikal anders aussah als lebendig. Und wir hatten keine Ahnung, wohin mit seinen ganzen Klamotten (bis heute leider). Oder was jetzt eigentlich mit uns als Familie passiert.

​Man soll sich zusammenreißen, funktionieren, bloß nicht zusammenbrechen. Und im nächsten Moment schämst du dich, weil du lachen musst, weil das Leben kurz einen Witz macht und du vergisst, dass du eigentlich gerade die sein musst, deren Vater gestorben ist. Von außen kommt diese absurde Erwartung, dass man ununterbrochen sichtbar traurig sein muss. Und wenn ich es war, habe ich mich versteckt.

​Ich habe geschrien. Ich habe mir einen viel zu teuren Wintermantel gekauft. Ich habe nach Jahren wieder eine Zigarette geraucht. Ich habe eine Nacht durchgetanzt, bin kurz danach zusammengebrochen, und vier Tage später saß ich mit Freund:innen ganz normal in einem Restaurant in der Schanze.

​Trauern – wie geht das eigentlich, wenn man es gar nicht will?

​Im Hospiz habe ich verstanden, dass Trauer oft lange beginnt, bevor Menschen überhaupt sterben. Die Gäste trauern um ihren Körper, um ihre Kraft, um Zukunftspläne oder darum, den eigenen Hund zurücklassen zu müssen.

​„Ich wollte so gerne noch einmal ans Meer.“ Dieser Satz ist mir geblieben.

​Auch die Angehörigen trauern schon, während die Menschen noch da sind. Sie trauern um gemeinsame Routinen, um Gespräche, um Nähe, um ein Leben, das bald ganz anders aussieht. Und alle gehen unterschiedlich damit um. Menschen heiraten noch im Hospiz, sie streiten sich, sie versöhnen sich oder entscheiden sich bewusst gegen ein letztes Wiedersehen. Nichts davon wirkt dort falsch.

​Das hat mich überrascht. Natürlich professionell, natürlich erfahren – aber menschliche Begegnungen hinterlassen eben Spuren. Und im Hospiz weiß man: Das hier sind oft die letzten Male. Der letzte Geburtstag, der letzte Witz, der letzte Blick aus dem Fenster. Wie sollte einen das nicht berühren?

​Damals konnte ich das. Zumindest äußerlich. Ich habe gearbeitet, organisiert, funktioniert. Denn nicht nur das Sterben nimmt Raum ein, sondern auch der Umgang mit dem Tod: der Papierkram, die Entscheidungen, die Anrufe, die Organisation von allem.

​Ich weiß heute: Darum sollte man sich im besten Falle kümmern, bevor es so weit ist. Nicht aus Angst, sondern aus Fürsorge. Im Hospiz wird deshalb ganz sanft gefragt, ob „alles geregelt ist“. Nicht kalt oder bürokratisch, eher wie eine Hand, die sagt: Wir helfen euch dabei. Die letzte Kleidung hängt manchmal schon bereit, auf einem bunten Bügel. Eine Mischung aus Alltag und Endlichkeit.

​Jeder Gast bekommt im Hospiz einen Stein, Hand beschriftet mit dem eigenen Namen. Und wenn die Menschen versterben, kann der Stein dort bleiben– vorausgesetzt, die Angehörigen nehmen ihn nicht mit.

​Beim Trauerritual dürfen sich die Mitarbeitenden jeweils einen der verbliebenen Steine nehmen und eine Geschichte oder einen Gedanken zum Gast teilen. Etwas Lustiges manchmal, oder etwas, das noch schwer auf ihnen liegt. Es geht nicht darum, perfekt Abschied zu nehmen. Sondern überhaupt.

​Irgendwann im Jahr werden die Steine dann in die Elbe gebracht. Ich musste lange darüber nachdenken, wie schön es eigentlich ist, dass Trauer dort nicht endet wie ein Verwaltungsakt. Sondern weiterfließt.

​Ich spüre, es hört nie ganz auf. Vielleicht lernt man nur irgendwann, die Trauer mitzunehmen, ohne dass sie die ganze Zeit ganz vorne sitzt. Ich weiß es nicht.

​Was ich weiß:

Trauer ist keine gerade Linie. Manchmal bricht man zusammen. Manchmal trinkt man einfach einen Milchkaffee. Manchmal schreit man im Auto, und manchmal kauft man sich eben einen viel zu teuren knallblauen Winterparka.

​Und manchmal ist es einfach ein Strandbild an einer grünen Wand, das leise sagt: Komm, wenn du so weit bist.

Bis bald Eure Prisilia