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Interview

Warum Metal, Kirche und Hospiz zusammenpassen – Matthias Bähr im Interview

Matthias Bähr ist der Geschäftsführer und die Hospizleitung des Sinus-Othmarschen

Hallo Matthias! Du veranstaltest mit dem Team der Nacht der Kirchen die diesjährige „Metalkirche“: Wie kam es dazu?

Ich bin selber Metalfan und war im letzten Jahr bei der ersten Metalkirche als Gast dabei. Es war ein interessantes Programm, und es haben auch tolle Bands gespielt. Da habe ich mir gedacht, dass das Thema „Leben und Sterben, Tod, Trauer und Trost“ doch eigentlich super in dieses Format passen könnte. Ich habe dann mit Daniel Wagner (Hauptorganisator der Nacht der Kirchen Hamburg) Kontakt aufgenommen. Er war von der Idee gleich begeistert! Er ist auch Metal-Fan, und ebenso wie mir ist ihm sehr daran gelegen, verschiedene Welten zusammenzubringen. Sara Burghoff von der Heilandskirche Winterhude-Uhlenhorst war dann – als wir auf der Suche nach einer geeigneten Kirche waren – auch ganz angetan von der Idee. Und so kam dann eins zum anderen…

Inwiefern siehst Du da eine Verbindung zwischen Metal, Kirche und einem Hospiz? Ich finde das zunächst nicht so offensichtlich…

Hier kommen tatsächlich 3 Welten zusammen, die man erstmal in ihrer Unterschiedlichkeit wahrnimmt: Die Metal-Welt ist laut und eher hedonistisch, die Kirche wird eher als etwas altbacken und moralisierend erlebt, und um Hospize machen die meisten Menschen sowieso einen großen Bogen. Sie sind bei vielen also unbekannt, zumindest im Konkreten. Und jede dieser Welten wird für sich gedacht und im Alltag wahrgenommen, wie das bei vielen unserer Lebenswelten so ist. Als eine erste Gemeinsamkeit könnte man festhalten, dass alle 3 (zumindest derzeit) nicht (mehr) Mainstream sind… Aber bei allen dreien spielen seelische Nöte, Tod, Trauer, aber auch Trost eine große Rolle.

Im Hospiz und in der Kirche sehe ich die Thematik, aber beim Heavy-Metal?

Also, dazu muss ich ein bisschen ausholen, denn hier spielen mehrere Aspekte eine Rolle:

Zum einen muss man sich nur die Texte, und oft auch die Schwere und Düsternis der Musik, manchmal auch das Auftreten der Bands ansehen (oder anhören). Dann wird schnell deutlich, wie zentral diese Themen im Metal sind. Alleine die Cover, die Bandshirts, die Logos: Die Symbolik des Todes ist da sehr präsent.

Zum anderen kann man sagen, dass Metal-Fans sich mit ihren Heroen sehr verbunden fühlen: Wenn da einer stirbt, ist die Trauer und die Betroffenheit groß. Ich will das jetzt nicht mit der Trauer um eine ganz nahestehende Person gleichsetzen: Aber die Helden meiner musikalischen Jugend und weit darüber hinaus haben mich mein bisheriges Leben lang begleitet, und haben – zumindest in meinem Alltag – eine große Rolle gespielt. Für einen Metal-Fan ist Musik nicht nur Musik, sie bedeutet etwas. Und das höre ich von anderen Fans auch immer wieder. Schließlich haben wir auf Konzerten (und auch danach im Zimmer über die Lautsprecher oder über den Kopfhörer) viele schöne Momente miteinander geteilt – und das, obwohl die Heroes mich ja gar nicht kennen. Menschliche Bindung funktioniert aber so. In gewisser Weise „spricht“ einen die Musik so an, dass es zu dem Gefühl eines Austauschs kommt. Hartmut Rosa hat zu diesem Phänomen übrigens ein ganzes Buch geschrieben… Wenn jedenfalls da einer stirbt (oder auch schon, wenn einer keine Musik mehr macht), hinterlässt das eine Lücke, die sich sehr ähnlich wie Trauer anfühlt.

Hattest Du das auch schon?

Ja, besonders stark, als Jon Lord 2012 gestorben ist: Ich war ein großer Deep Purple-Fan, und das war schon ein Einschnitt: Du kannst ihn nie mehr live sehen, er macht keine (neue) Musik mehr… Bei Ronnie James Dio war das auch so. Ein Teil auch meiner Lebensgeschichte ist damit zu Ende!

Ah okay, so habe ich das noch nie gesehen…

Und zum dritten kann man auf Festivals und Konzerten immer wieder erleben, wie groß die Hilfsbereitschaft und die Freundlichkeit der Fans untereinander ist. Wie überall gibt es Ausnahmen, klar, aber es gibt quasi ungeschriebene Gesetze, wie man sich auf solchen Events zu verhalten hat. Und da spielt Rücksichtnahme, gegenseitige Achtung und die Einhaltung der Grenzen des jeweils anderen eine große Rolle. Ich bin dort noch nie wegen äußerlicher Merkmale negativ angequatscht worden.

Okay, langsam wird mir das ein bisschen deutlicher… Mich haben die Düsternis und die Bilder manchmal eher abgeschreckt…

Ja, das verstehe ich schon. Im Metal hat sich das so entwickelt, dass – passend zu der Heftigkeit und Düsternis der Musik – sich existenzielle Themen anbieten: Zu einem sehr harten Beat und Riff wäre ein Text über Gänseblümchen eher seltsam, oder?

Ja, nachvollziehbar…

Klanglich und thematisch steht man im Metal – metaphorisch gesagt – eher am Abgrund (und guckt/hört da auch rein), und verschließt sich den schweren Themen des Lebens nicht: Noch eine Parallele zum Hospiz und zur Kirche. Beide haben mit den existenziellen Themen des Lebens zu tun und leben täglich damit.

Kann denn Musik, Metal-Musik, auch dabei helfen, Krisen und Trauer zu überstehen?

Ich würde schon sagen, dass das möglich ist. Jetzt nicht so, wie man eine Tablette nehmen würde, und das wirkt dann einfach gleich. Eher so, wie auch Gespräche und Begleitung durch andere Menschen dabei helfen können, eine Krise zu überstehen. Ich glaube, dass wir alle Musik für bestimmte Stimmungen haben, die wir dann für uns zum Einsatz bringen, und die uns dann bei der Regulation unserer Gefühle – und darum geht es bei Krisen ja oft – unterstützen, sie zu bewältigen. Und natürlich hilft auch die Gemeinschaft der Fans.

Warum findest Du, dass die Leute sich Euer Event bei der Nacht der Kirchen am 12. September unbedingt mal ansehen und anhören sollten?

Es ist – wie gesagt – eine ziemlich einmalige Chance, dass hier verschiedene Welten zusammenkommen. Jede*r könnte ja in seiner Bubble bleiben, aber ich finde es wichtig, dass wir uns alle über die Lebensweltgrenzen hinweg vernetzen. Und da stellt dieser Abend eine ideale Möglichkeit dar. Wir können alle zusammen viel Spaß bei der Musik haben und uns schweren Lebensthemen widmen – ich finde diese Kombination sehr interessant und einladend.

Gibt es für mich als Nicht-Metal-Fan etwas zu beachten?

Vielleicht solltest Du Ohrstöpsel dabei haben… und ansonsten offen und freundlich, hilfsbereit und interessiert sein. Vielleicht helfen die Begegnungen dabei, andere Menschen neu wahrzunehmen (nicht über sie, sondern mit ihnen zu sprechen). Vielleicht verändert sich dadurch auch die eigene Sichtweise auf die Lebenswelt des Anderen (Stichwort Vorurteile und Vorannahmen). Das wäre – wenn uns das gelingt – unser größtes Ziel: Spaß haben und einen Teil zu Verständnis und Miteinander anzustoßen.

Also: Kommt vorbei am 12. September 2026 in die Heilandskirche Winterhude-Uhlenhorst. Der Eintritt ist frei!

Lieber Matthias, vielen Dank, wir sehen uns dann bei der Nacht der Kirchen!