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Wenn Haltung einen Rahmen bekommt

Was ein Hospiz eigentlich tut, lässt sich nicht in Kategorien von Angebot und Leistung fassen. Hospizarbeit besteht aus Entscheidungen – viele davon leise, situativ, oft nicht wiederholbar. Sie entstehen im Kontakt, im Gespräch, im genauen Wahrnehmen dessen, was ein Mensch gerade braucht. Und genau hier setzt das Pflegemodell von Miriam Püschel an, mit dem sich die Teams des Hospiz Sinus Othmarschen und des Hospiz Sinus Barmbek am 21. und 22. Januar 2026 intensiv auseinandergesetzt haben.

Es waren zwei dichte, konzentrierte und zugleich überraschend lebendige Tage. Tage, an denen viel gedacht, viel gelacht und viel gefragt wurde. Und an denen spürbar wurde, wie hilfreich es ist, wenn die eigene Praxis einen tragfähigen gedanklichen Rahmen bekommt.

Diese Aussage zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeit von Miriam Püschel. Und sie wirkt nach. Denn wenn Sterben ein sozialer Prozess ist, dann steht nicht die Krankheit im Mittelpunkt, sondern der Mensch in seinen Beziehungen, Bedürfnissen, Wahrnehmungen und Bedeutungen. Dann geht es nicht um Abläufe, sondern um Begegnung.

Hospizarbeit wird hier als bewusste Beziehungsgestaltung verstanden. Entscheidungen entstehen nicht nach festen Vorgaben, sondern im konkreten Moment – im Zusammenspiel von Erfahrung, Fachwissen, Intuition und gemeinsamer Reflexion. Das erfordert Präsenz, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, immer wieder neu hinzusehen.

Miriam Püschel kommt aus der Hospizpraxis. Sie hat viele Jahre als Pflegefachkraft gearbeitet und Hospize geleitet. Sie kennt die Anforderungen dieses besonderen Arbeitsfeldes – fachlich wie emotional. Ihr Pflegemodell ist keine theoretische Konstruktion, sondern eine kluge Verdichtung dessen, was Hospizarbeit im Kern ausmacht.

Es verbindet umfangreiches Praxiswissen mit wissenschaftlicher Fundierung und dem ernsthaften Wunsch, unserer Arbeit Orientierung zu geben. Nicht in Form von starren Regeln, sondern als Rahmen, der trägt. Ein Modell, das nicht festlegt, sondern befähigt: zu bewussten Entscheidungen, zu begründeten Abwägungen, zu einer klaren Haltung.

Für mich persönlich ist Miriam Püschel eine zentrale Stimme der heutigen Hospizbewegung. Eine, die Erfahrung und Forschung zusammenführt – und die den Mut hat, Komplexität nicht zu vereinfachen, sondern verständlich zu machen.

Die Fortbildung folgte genau dieser Haltung. Theorie wurde nicht vermittelt, sondern gemeinsam erschlossen. In Gruppenarbeiten setzten wir uns mit den philosophischen Grundannahmen des Modells auseinander: Humanismus, Existenzialismus, Konstruktivismus, Hermeneutik, Körperphänomenologie und systemische Perspektiven. Große Begriffe, die durch den Austausch greifbar wurden.

Wir suchten Beispiele aus unserer Hospizarbeit – und aus unserem eigenen Leben. Immer wieder ging es um die Frage, wie Wahrnehmung entsteht und wie unterschiedlich dieselbe Situation erlebt werden kann. Übungen machten sichtbar, dass es keine objektive Sicht gibt – sondern viele Perspektiven. Diese Erkenntnis ist zentral für Hospizarbeit: Wahrnehmung ist nie neutral. Sie ist immer Teil der Beziehung.

Ein zentrales Element des Modells ist die bewusste, professionelle Beziehungsgestaltung. Pflege wird als gemeinsamer Prozess verstanden, der sich im Kontakt entwickelt. Planung gibt Orientierung, ja. Aber sie ersetzt nicht das Gespräch, das Abwägen, das Reagieren auf veränderte Bedürfnisse.

Auch der Pflegeprozess wird in diesem Sinne gedacht: nicht als starre Abfolge, sondern als fortlaufendes Zusammenspiel von Planen, Handeln, Überprüfen und Weiterentwickeln – ergänzt um Austausch und Reflexion im Team. Qualität entsteht hier nicht durch Vereinheitlichung, sondern durch bewusste Entscheidungen im Sinne des Gastes.

Coverbild Leitbild des Hospiz Sinus

In der abschließenden Feedbackrunde wurde deutlich, wie anschlussfähig dieses Pflegemodell für die Arbeit im Hospiz Sinus ist. Vieles von dem, was Miriam Püschel beschreibt, prägt unsere Praxis seit Langem. Der Gast und seine Bedürfnisse stehen im Zentrum unseres Handelns. Mit unserem Leitbild, das wir 2021 formuliert haben, ist diese Haltung klar benannt.

Das Pflegemodell von Miriam Püschel schärft, was da ist. Es gibt unserer Arbeit Sprache, Struktur und Tiefe. Und es macht nach außen sichtbar, nach welchen Prinzipien wir arbeiten. In diesem Sinne wirkt das Modell nicht nur nach innen – es ist auch unsere Visitenkarte in der Öffentlichkeit.

Hospiz Sinus – Fortbildung Pflegemodell nach Miriam Püschel – Unser Team
Hospiz Sinus – Fortbildung Pflegemodell nach Miriam Püschel – Unser Team

Wir stehen am Anfang eines Weges. Die Auseinandersetzung mit diesem Konzept wird unsere Arbeit weiter fordern und stärken. Darauf freuen wir uns sehr.

Unser Dank gilt Miriam Püschel für ihre kluge, lebendige und zutiefst respektvolle Art, Hospizarbeit weiterzudenken – und unserer Geschäftsführung, die diese intensive Fortbildung ermöglicht hat. Wir brennen darauf, diesen Rahmen mit Leben zu füllen. Für unsere Gäste. Für ihre Zugehörigen. Und für eine Hospizarbeit, die Haltung zeigt.